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Dieser Artikel vergleicht zwei Ansätze für die TDR-Messung (Zeitbereichsreflektometrie): mit dem Vektor-Netzwerkanalysator PicoVNA sowie mit einem Sampling-Oszilloskop der PicoScope-Serie 9300.
Die TDR ist eine bewährte Methode zur Messung der Impedanz von Übertragungsleitungen und zur Bestimmung von Diskontinuitäten, die durch Steckverbindungen oder beschädigte Kabelstellen verursacht werden. Impedanz-Fehlanpassungen erzeugen Reflexionen, deren Signalform und Amplitude Hinweise auf die Art der Fehlanpassung liefern. Bei der methodenverwandten Time Domain Transmission (TDT) wird das Signal nach dem Durchlaufen des Prüflings (DUT, device under test) gemessen. Die TDT eignet sich, um das Übertragungsverhalten, Verluste und Signalverformungen korrekt zu bewerten.
TDR- und TDT-Messungen erfolgen im Zeitbereich. Ein Vektor-Netzwerkanalysator (VNA) arbeitet dagegen im Frequenzbereich und erfasst Amplitude und Phase als Vektorgröße. VNA-Messungen geben Aufschluss über die Anpassungsqualität zwischen Quelle (dem VNA) und DUT. TDR/TDT-Analysen liefern schnelle Ergebnisse, während skalare und vektorielle Frequenzanalysen einen größeren Dynamikbereich bieten. Über Verfahren wie die inverse Fourier-Transformation lassen sich die Ergebnisse zwischen Zeit- und Frequenzbereich umrechnen, was mehr Flexibilität bei der Analyse ermöglicht. Zeitbereichsmessungen sind besonders hilfreich, wenn die Position einer Störkomponente bestimmt werden soll. Aus der Laufzeit der Reflexion und der Ausbreitungsgeschwindigkeit ergibt sich die physikalische Entfernung zur Fehlerstelle.
Aus TDR-Messungen lassen sich konkrete Diagnoseinformationen ableiten. Die resultierenden Messkurven machen sichtbar, an welchen Stellen der Übertragungsleitung induktive oder kapazitive Impedanzänderungen auftreten. Solche Effekte lassen sich anschließend auf greifbare Ursachen wie Lötqualität, Steckverbinder-Geometrie oder Montagefehler zurückführen. Genau darin liegt der praktische Nutzen der TDR: Sie liefert nicht nur ein Signalbild, sondern eine handlungsrelevante Fehlerdiagnose.
Die Systembandbreite, genauer gesagt die Systemanstiegszeit des gesamten Messaufbaus (Signalquelle, Oszilloskop und Messleitungen), bestimmt die Zeitauflösung der TDR-Messung und damit die räumliche Auflösung. Für die Quantifizierung einer Fehlanpassung muss die Pulsamplitude über die vollständige Anstiegs- und Abfallzeit sauber abgebildet sein. Um die Position einer Fehlanpassung zu erkennen, genügt dagegen eine deutlich feinere Distanzauflösung, typischerweise etwas das Fünffache.
Die verfügbare Pulsamplitude und Amplitudenstabilität können ebenfalls eine Rolle spielen, sind aber weniger entscheidend als häufig angenommen. In der Praxis bedeutet dies: Auch wenn die Signalquelle eine hohe Spannung liefern kann, ist der tatsächlich nutzbare Pegel durch die maximale Eingangsspannung des Oszilloskops begrenzt. Eine große Quellamplitude ist dennoch nützlich, weil sie den Einsatz eines Dämpfungsglieds zwischen Quelle und Prüfling erlaubt und damit die Impedanzanpassung und Messqualität des Testsystems verbessert.
Eine einstellbare Amplitude bietet den Vorteil, dass der Signalpegel optimal an den Prüfling angepasst werden kann. Dadurch lässt sich der verfügbare Dynamikbereich besser nutzen und spannungsempfindliche DUTs werden geschützt. Systembedingte Pulsverzerrungen sind bei der TDR/TDT eher nachrangig, weil sie durch die Portkalibrierung (open, short, load) weitestgehend kompensiert werden.
Für den vorliegenden Methodenvergleich wird ein Kabel aus der Rüstungsindustrie gemessen. Um die TDR-Messung mit VNA und Sampling-Oszilloskop zu demonstrieren, wird eine typische Fragestellung zugrunde gelegt: Wo in dem Kabel tritt eine Fehlanpassung auf, die die Zuverlässigkeit der Signalübertragung beeinträchtigen oder sogar zu Ausfällen führen kann?
Die PicoScope-Serie 9300 umfasst Sampling-Oszilloskope mit einer Bandbreite von bis zu 30 GHz. Die maximale Eingangsspannung beträgt 1 V (Peak). Der integrierte Pulsgenerator erzeugt schrittweise 2,5 bis 7 V (60 ps Anstiegszeit), sodass der Messaufbau mit einem Dämpfungsglied optimieren werden kann. Alternativ kann ein externer PG900-Pulsgenerator verwendet werden.
Da ein Oszilloskop nur skalare Größen erfasst, lassen sich aus der Messung keine S-Parameter ableiten.
Bild: Schematische Darstellung eines typischen Testaufbaus unter Verwendung des PicoScope 9300 mit TDR-Funktion // Quelle: Pico Technology
Bild: TDR-Messergebnis mit dem PicoScope 9300 (DUT: Rüstungskabel) // Quelle: Pico Technology
Bei der klassischen TDR-Messung wird ein schneller Spannungspuls in den Prüfling eingespeist. Je schneller die Puls-Anstiegszeit, desto höher ist die Testfrequenz.
Der PicoVNA erzeugt die TDR-Antwort nicht über einen real eingespeisten Puls wie das Sampling-Oszilloskop, sondern aus einer breitbandigen Frequenzmessung (Sweep) der reflektierten Vektordaten S11. Durch inverse diskrete Fourier-Transformation (IDFT) wird daraus zunächst die Pulsantwort des Prüflings berechnet; ihre Integration liefert anschließend die TDR-typische Sprungantwort. Dies erlaub die Zeitbereichsanalyse, obwohl der VNA im Frequenzbereich arbeitet.
Zeitbereichsinformationen aus Frequenzdaten werden üblicherweise über Lowpass- und Bandpass-Verfahren gewonnen. Die Mess-Software des PicoVNA verwendet die Lowpass-Methode.
Bei der Transformation vom Frequenz- in den Zeitbereich ist eine Fensterfunktion erforderlich, um die Frequenzdaten an den Rändern sauber gegen null auslaufen zu lassen. Konkret wird die Fensterfunktion auf den endlichen Satz von S-Parameterdaten im Frequenzbereich angewendet, bevor die inverse schnelle Fourier-Transformation (IFFT) durchgeführt wird.
Der PicoVNA bietet folgende Optionen:
Bild: TDR-Messergebnis mit dem PicoVNA 108 (DUT: Rüstungskabel, Zeitauflösung: 59 ps, Distanzauflösung: 19,5 mm) // Quelle: Pico Technology
Die nachfolgende Tabelle zeigt, wie sich eine Änderung des VNA Frequenz-Sweeps auf die Auflösung und den Messbereich auswirkt. Eine Änderung der Anzahl der Frequenzschritte (N) hat keinen Einfluss auf die Auflösung, verändert jedoch den Messbereich. Eine Erhöhung der maximalen Frequenz verbessert die Auflösung, verringert jedoch den Messbereich.
Tabelle: Frequenz- und Sweep-Einstellungen am VNA beeinflussen Auflösung und Messbereich // Quelle: Pico Technology
Sowohl das PicoScope 9300 als auch der PicoVNA liefern bei korrekter Konfiguration und Kalibrierung präzise und vergleichbare TDR-Messergebnisse. Aus den Messungen lassen sich umsetzbare Diagnoseergebnisse ableiten, indem sie Impedanz-Fehlanpassungen aufgrund induktiver oder kapazitiver Übergänge (Steckverbindungen) aufdecken, die zum Beispiel auf Löt- oder Montageprobleme zurückgeführt werden können.
Bild: Unterschiede zwischen den TDR-Messergebnissen des PicoScope 9300 (blau) und PicoVNA 108 (rot) am Beispiel eines Testkabels aus der Rüstungsindustrie // Quelle: Pico Technology
Beide Messsysteme liefern präzise TDR-Ergebnisse. Für die Praxis ist jedoch entscheidend, wie solche Messungen bei der Diagnose von Signal-Übertragungsproblemen helfen. Ein Anwendungsbeispiel dient der Veranschaulichung:
Ein Testkabel besteht aus einem SMA-Steckverbinder mit Ferrule an einem starren Koaxialkabel und einem BNC-Steckverbinder mit Ferrule am anderen Ende. Für die Beurteilung der Verbindungsqualität wird die Time Domain Transmission (TDT) statt der TDR verwendet. Warum?
Die TDR eignet sich, um Impedanzsprünge und Reflexionen zu lokalisieren. Die TDT ist in diesem Anwendungsfall besser geeignet, weil damit das Übertragungsverhalten über die gesamte Kabelstrecke beurteilt wird. Für die Bewertung eines konfektionierten Kabels liegt dieser Aspekt näher an der eigentlichen Fragestellung: Kommt das Signal sauber und mit ausreichender Qualität am anderen Ende an?
Bild: Ergebnis einer TDT-Messung mit dem PicoVNA (Testkabel) // Quelle: Pico Technology
Erklärung: Der Übergang vom PicoVNA 108 zum SMA-BNC-Adapter wirkt leicht induktiv, daher ist der Widerstand niedrig. Die BNC-BNC-Verbindung zeigt ein kapazitives Verhalten. Der Übergang von der Ferrule zum Koaxialkabel zeigt einen Peak von 55 Ω, entsprechend der Spezifikation. Der annähernd flache Kurvenabschnitt entspricht dem Kabel selbst. Am Kabelende zeigt sich ein zweiter Übergang; aufgrund einer besseren Lötung ist dieser weniger stark ausgeprägt. Zudem zeigt sich, dass SMA-Verbindungen für Hochfrequenzsysteme besser geeignet sind als BNC-Anschlüsse.
Sampling-Oszilloskop und VNA sind keine konkurrierenden, sondern komplementäre Werkzeuge. Beide Systeme zusammen bieten eine umfassende Sicht auf die Signalintegrität moderner Hochfrequenzsysteme.
Zeitbereichs- und Frequenzbereichsmessungen ergänzen sich bei der Charakterisierung von Übertragungsleitungen. TDR und TDT mit dem Oszilloskop ermöglichen die schnelle Lokalisierung von Fehlerstellen in Kabeln und Steckverbindungen. Der Vektor-Netzwerkanalysator bietet dagegen eine detaillierte Analyse im Frequenzbereich und kann Messdaten zusätzlich im Zeitbereich darstellen. Beide Messansätze liefern bei korrekter Kalibrierung verlässliche Ergebnisse. Die Wahl des Verfahrens hängt vom Diagnoseziel ab: Zeitbereichsmessungen mit dem Oszilloskop sind besonders für die Fehlerortung geeignet – VNAs für die umfassende spektrale Bewertung oder bei stark frequenzabhängigen Anwendungen.